Pottwale und Priolo – zwei Wochen São Miguel
Zwei Wochen Azoren im Sommer 2024, eine Insel: São Miguel. Vor der Küste ziehen Pottwale ihre Bahnen, am Bug spielen Delfine, und im Nebelwald der Serra da Tronqueira lebt mit dem Priolo einer der seltensten Singvögel Europas. Ein Reisebericht zwischen Walboot und Lorbeerwald — mit den Technik-Notizen dazu.
Vor der Küste: die Insel der Pottwale
Die Azoren liegen mitten im Atlantik auf dem Weg der großen Wale, und Pottwale sind hier keine Durchreisenden, sondern Stammgäste. Vom Boot aus läuft es immer gleich ab: Der Vigia — der Walspäher an Land — funkt die Position, das Boot nähert sich langsam, dann liegt der graue Rücken minutenlang ruhig im Wasser, bis der Atem gesammelt ist. Der eigentliche Foto-Moment ist das Abtauchen: Der Körper krümmt sich, die Fluke steigt senkrecht aus dem Wasser und verschwindet — danach ist der Wal für 40 Minuten weg. Man bekommt pro Sichtung genau eine Chance, und die dauert etwa zwei Sekunden.
Zwischen den Walen wird es nie langweilig: Große Tümmler und Fleckendelfine begleiten das Boot und surfen in der Bugwelle — so dicht unter der Oberfläche, dass man ihnen von oben direkt zusehen kann.
Und dann sind da die Gelbschnabel-Sturmtaucher — Zehntausende brüten auf den Azoren. An windstillen Tagen segeln sie zentimeterdicht über das glatte Wasser, das dann zum Spiegel wird.
Im Lorbeerwald: der Priolo
Der Priolo (Azorengimpel) existiert nur an einem einzigen Ort der Welt: im Lorbeerwald der Serra da Tronqueira im Osten São Miguels. In den 1990ern galt er mit wenigen Hundert Tieren als fast verloren; heute ist der Bestand dank Habitat-Renaturierung wieder vierstellig — und mit Geduld findet man ihn. Unsere Begegnung sah so aus, wie Vogelfotografie meistens aussieht: zwei Vormittage Nebel, Nieselregen und Stille, dann saß er plötzlich da, unspektakulär grau-schwarz, mit Beeren im Schnabel. Kein bunter Vogel — aber einer, den fast niemand im Portfolio hat.
Deutlich geselliger sind die eingebürgerten Wellenastrilde, die in Trupps durch die Talfüllungen ziehen — und mit Azorenbuchfink und Kanarengirlitz hat die Insel noch mehr Endemiten und Makaronesien-Spezialitäten im Angebot.
Die Insel dazwischen: Tee, Blumenteppiche, Kraterseen
Zwischen den Touren zeigt São Miguel, warum es die „grüne Insel" heißt. In Gorreana wächst seit 1883 Tee — die älteste (und einzige verbliebene) Teeplantage Europas, deren Felder sich wie ein grüner Teppich bis ans Meer ziehen. In den Dörfern legten die Gemeinden gerade ihre Blumenteppiche für die Sommerprozessionen, kilometerlange Muster aus gefärbten Spänen und Blüten. Und über allem liegen die Kraterseen — die Lagoa do Fogo an einem der seltenen wolkenfreien Tage.
Die Technik: eine Kamera fürs Meer, eine für die Insel
2024 war das Wildlife-Gespann noch die Canon EOS R5 mit dem RF 100-500 mm, bei Bedarf mit 1.4x-Extender auf 700 mm verlängert. Auf dem Boot hat sich das Setup bewährt: leicht genug für stundenlanges Bereithalten, und für die eine Fluke-Chance zählt ohnehin nur, dass die Kamera schon am Auge ist, wenn sich der Rücken krümmt. Für die Sturmtaucher im Tiefflug: 1/4000 s und Serienbild, gleiches Rezept wie bei jedem schnellen Vogel. Beim Priolo im dunklen Lorbeerwald halfen der stabilisierte 500er und die Bereitschaft, die ISO laufen zu lassen.
Die Leica M11-P übernahm mit 28er Elmarit und den beiden 35ern den Rest der Insel — Gassen, Teefelder, Kraterseen. Ein Jahr später in British Columbia wurde daraus dann das Setup mit R5 Mark II und RF 200-800; die Rollenverteilung ist geblieben. Und auch hier galt: Abends Karte in den Mac, in RAWFetcher den Tag sichten, Keeper sichern — die 101 Bilder dieses Albums sind das, was von zwei Wochen übrig bleiben durfte.
Mehr Praxisberichte
Grizzlys und Buckelwale in British Columbia, Kolibris auf Martinique, Seeadler auf Smøla — alle Reiseberichte im Blog.